Architektur mit vielen Gesichtern

Architektur mit vielen Gesichtern
Foto: Tadashi Okochi © Pen Magazine, 2010/ Stiftung Bauhaus Dessau

Wer ans Bauhaus denkt, dem kommen unweigerlich weiß verputzte Würfelbauten in den Sinn. Dabei ist das nur eine der vielen Facetten dieser revolutionären Baukunst: Walter Gropius und seine Mitstreiter liebten es, mit verschiedenen Materialien und Baustoffen zu experimentieren.

Das historische Bauhaus war immer experimentierfreudig. Das offenbart schon ein Blick auf die Lehrkurse in den Werkstätten. In der Vorlehre versuchten sich die Schüler in praktischen Studien mit Farben, Formen und Materialien, deren Umgang sie in der Werklehre übten. Konkret wurde es dann in den einzelnen Werkstätten, die sich jeweils unterschiedlichen Materialien zuwandten.

Werkstätten am Bauhaus

In der Villa „Tugendhat“ verwendete Mies van der Rohe nur edelste Rohstoffe, beispielsweise Makassar-Ebenholz. Foto: David Židlický

So entstanden in der Weberei Wandbehänge und Teppiche aus Stoffen, die zum Teil selbst hergestellt und gefärbt wurden. Am Weimarer Bauhaus gab es eine Töpferei, in der man mit einem speziellen Gießverfahren diverse Gefäße herstellte. Sie hatten jedoch nie kommerziellen Erfolg. Die Metallwerkstatt beschäftigte sich zunächst mit der traditionellen Verarbeitung von Gold, Silber und Co. Dann rückte der funktionale Aspekt mit der Zeit in den Vordergrund. Aus neuen Materialkombinationen wie Glas und Metall entstanden industriell gefertigte Gebrauchsgegenstände. Berühmte Beispiele hierfür sind die legendäre Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld oder die Teekanne von Marianne Brandt. Naturmaterialien wie Stein und Holz spielten in der Tischlerei sowie in der Stein- und Holzbildhauerei die Hauptrolle. In Letzterer entstanden zum Beispiel die Türen und Treppen für das komplett aus Holz geplante Haus „Sommerfeld“ aus der Feder von Walter Gropius und Adolf Meyer.

Materialschau am Bau

Beim Entwurf des Fagus-Werks verzichtete Gropius auf stützende Eckpfeiler und setzte auf große Fensterflächen. Foto: Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com/© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Neben der Lehre am Bauhaus entwarfen Walter Gropius und seine Kollegen in dieser Zeit auch revolutionäre Gebäude, die die Grundsätze der damaligen Baukunst auf den Kopf stellten. Und welche Baustoffe kamen hier zum Einsatz? Die Bauprojekte sind dabei so unterschiedlich wie die Architekten selbst. Ausgehend von den individuellen Zielsetzungen der Direktoren und Lehrmeister sowie dem programmatischen Wandel, den die Bauhaus-Schule in den Jahren ihres Wirkens vollzog, tragen alle Entwürfe eine ganz eigene Handschrift. Auch hinsichtlich der verwendeten Baustoffe, mit denen die Planer gern experimentierten.

So haben sich etwa die Entwürfe von Walter Gropius über die Jahre stetig weiterentwickelt. Ein wichtiger Meilenstein seines Wirkens war zum Beispiel 1911 – und damit noch vor der Gründung des Bauhauses. Zu dem Zeitpunkt entstand das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld. Die Backsteinfassade wird durch filigrane Stahlprofile und große Glasfronten dominiert. Rund zehn Jahre später entwarf er die private Villa für den Berliner Holzfabrikanten Adolf Sommerfeld und setzte dafür eine neu entwickelte Blockhaus-Bauweise ein. Am Ausbau des Wohnhauses, von den Holzarbeiten über die Glasmalerei bis hin zu den Möbeln, waren nahezu alle Werkstätten beteiligt – eine gelungene Umsetzung der im Bau vereinigten Künste.

Architektur in Dessau

Bauhaus-Stil par excellence: Für das neue Bauhaus-Gebäude in Dessau verwendete Walter Gropius eine vorgehängte Glasfassade, die den Werkstattflügel wie einen Vorhang umspannt sowie konstruktive Elemente sichtbar macht. Foto: Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com/© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mit dem Bauhaus-Gebäude in Dessau erschuf Walter Gropius schließlich eine Ikone der modernen Architektur, kreiert aus einer glatten, weiß verputzten Fassade, Stahlbeton und einer gläsernen Außenhülle. Das transparente Material schätzte Gropius vor allem wegen seiner „leichten, schwebenden, wesenlosen Stofflichkeit“. Auch Mies van der Rohe setzte bei seinen Gebäuden Glas stets sehr großzügig ein: So prägen große Fensterflächen die aus einer Stahlskelettkonstruktion errichtete Villa „Tugendhat“ im tschechischen Brünn. Für deren Innengestaltung wählte der Architekt die edelsten Rohstoffe, darunter goldgelber und weißer Onyx sowie Makassar- Ebenholz.


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