Welche Dämmstoffe halten gut dicht?

Welche Dämmstoffe halten gut dicht?
Foto: KfW-Bildarchiv

Wer Energieverluste am Gebäude minimieren will, der dämmt. Doch womit am besten? Die Palette an Dämmstoffen für unterschiedliche Einsatzbereiche am und im Haus ist groß. Die Auswahl fällt da nicht leicht, zumal neben der Dämmwirkung noch andere Aspekte ins Gewicht fallen.

Dämmstoffe müssen in Deutschland bauaufsichtlich zugelassen sein. Ein entsprechender Brandschutz – hier als Beispiel eine Holzfaserdämmplatte – ist da Voraussetzung. Foto: VHD/akz-o

Juni 2017 – eine Brandkatastrophe erschüttert London: Der Grenfell-Tower, ein Wohnhochhaus mit 24 Stock werken, fing aufgrund eines defekten Kühlschranks Feuer. Der Brand breitete sich in kurzer Zeit über die Fassade aus, und es kamen über 70 Menschen ums Leben. Warum griffen die Flammen so schnell um sich und erfassten große Flächen des Hochhauses? Schnell ruckten das Dämmmaterial und die Fassadenverkleidung des Gebäudes in den Fokus. In der öffentlichen Diskussion wurde zunächst fälschlicherweise der Dämmstoff EPS (expandiertes Polystyrol), immer noch bekannt unter dem Markennamen Styropor, als Brandbeschleuniger ausgemacht.

Allerdings bestand die Wärmedämmung des Grenfell-Towers nicht aus Styropor, sondern aus Polyurethan-Hartschaum (PUR). Experten vermuteten, dass die Kombination aus einer hinter lüfteten Fassade und der Ausführung mit Aluminium-Kunststoff-Verbundplatten, die beim Brand nahezu vollständig zerstört wurden, zu dem enormen Ausmaß der Katastrophe erheblich beigetragen haben dürften. Ausgelöst hat das Unglück jedoch auch bei uns in Deutschland eine große Diskussion um das Thema „Dämmstoffe“. Hauseigentümer und Sanierer waren und sind verunsichert: Eigentlich will man doch etwas Gutes für die Umwelt und den Geldbeutel tun, indem man das Gebäude gut dämmt und vor Energieverlusten schützt. Doch welche Materialien eignen sich hierfür wirklich, und welche sind dabei gesundheitlich unbedenklich?

Brandschutzklassen
Die Brandschutzklasse trifft Aussagen darüber, wie leicht ein Stoff Feuer fängt. Die Brandschutzklasse A1 bezeichnet laut der DIN 4102 nur die nicht brennbaren Stoffe. Bei der Klasse A2 können den nicht brennbaren Stoffen einzelne brennbare Stoffe zugeschlagen sein. Die Klassen B1/B2/B3 bezeichnen die brennbaren, schwer/normal/leicht entflammbaren Stoffe. Leicht entflammbare Baustoffe dürfen nicht verwendet werden, außer in einem zugelassenen System in Kombination mit anderen Baustoffen. Naturfaserdämmstoffe fallen in der Regel unter die Klasse B2 (normal entflammbar) und dürfen beim klassischen Hausbau problemlos verwendet werden.

Wichtige Werte der Dämmstoffe

Dachdämmung mit PUR-Dämmstoff. Er dämmt sehr gut, ist aber relativ teuer. Foto: puren

Anforderung Nummer 1 an das Material ist natürlich, dass es gut dämmt. Darüber Auskunft gibt die Wärmeleitfähigkeit, die in Watt je Meter mal Kelvin (W/mK) angegeben wird. Sie beschreibt, mit welcher Geschwindigkeit Warme durch ein Material wandert. Je kleiner dieser Wert ist, desto besser dämmt das Material – bei gleicher Dicke. Sprich bei höherer Dämmleistung eines Materials kann eine dünnere Dämmschicht gewählt werden.

Die Dämmwirkung eines gesamten Systems oder Wandaufbaus beziffert der U-Wert. Er gibt die Wärmemenge an, die durch einen Quadratmeter des Bauteils fließt, wenn der Unterschied zwischen innen und außen 1 Kelvin (= ca. 1 °C) betragt. Auch hier ist der Wert umso besser, je kleiner er ausfällt.

Die spezifische Wärmekapazität (c) gibt an, wie viel Energie benötigt wird, um ein Kilogramm eines Stoffs um ein Kelvin zu erwärmen. Baustoffe mit einem hohen c-Wert besitzen eine große thermische Speicherkapazität und bieten einen guten sommerlichen Hitzeschutz.

Eine Rolle spielt auch die Rohdichte (p) des Baustoffs. Sie beschreibt die Masse eines Stoffs in Kilogramm pro Kubikmeter (kg/m3). Hohe Rohdichten haben in der Regel einen guten Schallschutz zur Folge.

Ein weiterer interessanter Parameter ist die Dampfdiffusionswiderstandszahl (μ). Sie beschreibt die Eigenschaft von Baustoffen, die Diffusion von Wasserdampf zu verhindern. Dampfdichte Baustoffe haben also einen hohen μ-Wert wie beispielsweise der Kunststoff EPS oder Schaumglas. Weist ein Material geringe μ-Werte auf, heißt das jedoch auch, dass er schnell wieder abtrocknen kann, falls Feuchtigkeit eingedrungen sein sollte.

Organisch und anorganisch

Dämmstoffe lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen: Man unterscheidet organische und anorganische bzw. mineralische Materialien. In diesen beiden Gruppen differenziert man wiederum zwischen natürlichen und synthetischen Stoffen. Eine auf den ersten Blick etwas verwirrende Unterscheidung, doch sie lasst sich erklären. Denn organische Dämmstoffe bestehen meist aus Kohlenstoffverbindungen, und diese können sowohl in pflanzlichen Materialien als auch in Dämmstoffen aus Mineralöl vorkommen. Das führt dazu, dass unter die Gruppe der organischen Dämmstoffe sowohl nachwachsende Dämmstoffe wie Holzfaser, Kokosfaser, Kork, Zellulose, Hanf oder Flachs fallen als auch synthetische Rohstoffe wie EPS, XPS oder PUR. Zu den anorganischen Dämmmaterialien auf der Basis natürlicher Rohstoffe zahlen Blähglimmer, Blähton, Naturbims oder Perlite, auf der Basis synthetischer Rohstoffe Blähglas, Mineralfaser, Mineralschaum, Schaumglas oder Kalziumsilikat.

Vormarsch von Naturdämmstoffen

Mineralfaserprodukte machen aktuell über 50 Prozent des gesamten deutschen Dämmstoffmarkts aus. Foto: Deutsche Rockwool

Zwar wurden in den letzten Jahren natürliche, nachwachsende Dämmstoffe und ihre Einsatzbereiche vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert. Häufig findet man auch Berichte über „Leuchtturmprojekte“ wie komplett mit Strohballen gedämmte Wohnhäuser. Die breite Masse dämmt in Deutschland jedoch anders: Ca. 90 Prozent des Dämmstoffmarkts haben in den letzten Jahren Dämmstoffe aus mineralischen oder fossilen Rohstoffen ausgemacht. Laut Schätzung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) greifen derzeit etwa 10 Prozent der Bauherren bei der Gebäudedämmung auf Naturdämmstoffe zurück. Im Jahr 2011 lag deren Anteil noch bei ca. 7 Prozent, das geht aus einer statistischen Erhebung der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) hervor.

Wärmedämmverbundsysteme mit Holzfaserplatten: Für den Feuchteschutz gibt es eine spezielle Korkplatte. Foto: Inthermo

Die Autoren der Information „Leitfaden Dämmstoffe 3.0“ (Bauzentrum München, 2017) stellten jedoch anhand von vielen begleiteten Praxisbeispielen fest, dass gerade Besitzer eigengenutzter Einfamilienhäuser großes Interesse daran zeigten, bei anstehenden Sanierungsvorhaben natürliche, nachwachsende Dämmstoffe einzusetzen – trotz höherer Kosten. Der gesundheitliche Aspekt spielte da eine große Rolle. Doch vor allem aufgrund mangelnder Information oder auch fehlender Kenntnis von Planungsbüros und ausführenden Handwerksfirmen kamen de facto viel seltener Naturdämmstoffe zum Einsatz als ursprünglich gewünscht. Hier hat der Markt also anscheinend noch einiges nachzuholen.

Ökobilanz

Spezialfirmen bieten Einblasdämmungen an, hier beispielsweise mit nicht brennbaren Steinwolleflocken. Foto: djd/www.ecofibre.de

Generell lasst sich sagen, dass aus ökologischer Sicht – egal, welcher Bereich am Haus gedämmt werden soll – immer auch in Richtung Naturfaserdämmung gedacht werden sollte. Für die meisten Anwendungsbereiche stehen sowohl „konventionelle“ Dämmstoffe als auch Naturmaterialien zur Verfügung. Allerdings bringen die meisten Handwerksbetriebe natürlich viel mehr Erfahrung in der Verarbeitung der „klassischen“ Dämmmaterialien wie Mineralwolle oder Styropor mit. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich aber.

So lassen sich Wärmedämmverbundsysteme natürlich mit EPS ausführen, aber auch mit Holzweichfaserplatten. Innendämmungen im Dachbereich können mit den herkömmlichen Mineralfasermatten durchgeführt werden, aber auch hier lassen sich Alternativen finden wie Hanf- oder Kokosfasermatten. Dämmstoffe auf Zellulosebasis weisen zum Beispiel eine sehr gute Ökobilanz auf. Sie werden aus Altpapier hergestellt und zu Schüttungen oder Dämmplatten verarbeitet. Natürlich braucht man aber einen Handwerksbetrieb, der sich mit dem Einsatz solcher Dämmstoffe auskennt – und auch vorab die Kosten richtig kalkuliert. Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz von PUR-Ortschaum beim Einbau neuer Fenster. Hier könnte genauso gut mit natürlicher Stopfwolle gedämmt werden. Doch in der Praxis hat sich PUR-Ortschaum durchgesetzt, trotz bedenklicher Ökobilanz.

Was ist mit dem Recycling?

Aus Jutesäcken lassen sich unter Zugabe von Soda und einer Stützfaser Dämmstoffmatten und -vliese herstellen. Foto: tdx/Thermo Natur

Denn gerade wenn man sich die Prozesskette einiger Dämmstoffe ansieht, wird es problematisch. Irgendwann steht immer die Frage der Entsorgung an, und hier wäre der Königsweg natürlich ein für Menschen und Umwelt möglichst belastungsarmer Recyclingvorgang.

Für einen der am häufigsten verwendeten Dämmstoffe, das expandierte Polystyrol, forscht unter anderem das Fraunhofer Institut gerade an der Entwicklung eines wirkungsvollen Recyclings. Momentan müssen alte Dämmplatten dieses Materials auf den Sondermüll. Problematisch sind dabei die Vermischungen mit anderen Materialien wie Kleber und Putz, aber auch die Flammschutzzuschläge der Dämmplatten. Sie sind zum Teil hochgiftig und in der Umwelt extrem lange nachweisbar, sprich sie lagern sich im Erdboden ab, reichern sich in Lebewesen an und gelangen über Nahrungsketten immer weiter in die Umwelt. Doch auch Naturfaserdämmstoffe sind mit Brand- und teilweise auch Insektenschutzmitteln versehen. Auch hier muss immer im Detail genau geschaut werden, welcher Dämmstoff mit welchen Zusatzstoffen versehen wurde. Unter Umstände verbauen Sie sonst ein eigentlich unbedenkliches Naturprodukt mit Chemiekeule als Brandschutz.

Fazit
Wer sich intensiv mit dem Thema „Dämmung“ auseinandersetzt, der sollte zunächst für sich selbst einen Kriterienkatalog festlegen: Was ist mir wichtig? Wärmedämmwirkung, Kosten, Umweltverträglichkeit, sommerlicher Hitzeschutz, Ökobilanz usw. Je nach Gewichtung sollte man sich dann einen Baupartner suchen, der die Aspekte, die für einen selbst Priorität haben, entsprechend beherzigt. Und gerade wer Wert auf Naturfaserdämmstoffe legt, muss für die Recherche nach passenden Planungsbüros oder Handwerksbetrieben wohl momentan leider noch etwas mehr Zeit einkalkulieren.

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