Ein Haus für alle Fälle

Ein Haus für alle Fälle
Foto: Sebastian Rose

Ein flexibles Haus zu bauen, hat nicht nur etwas mit Luxus zu tun. Wie geschickt geplante Flexibilität zur Nachhaltigkeit eines Gebäudes beitragen kann, zeigt dieses Zweifamilienhaus in Stuttgart-Hofen.

Dachfenster und Lichtband machen die obere Wohneinheit schön hell und erleichtern eine spätere Raumaufteilung. Foto: Sebastian Rose

In vielen Regionen Deutschlands stehen Immobiliensuchende momentan vor dem gleichen Problem: Der Markt ist extrem aufgeheizt, es gibt ein zu geringes Angebot bei hoher Nachfrage, und die Preise schießen in exorbitante Höhen. Wer sich jetzt nach neuem Wohnraum umsieht, hat kein leichtes Unterfangen vor sich. Anne und Manfred hingegen können sich entspannt zurücklehnen. Sie haben sich bereits vor fünf Jahren dazu entschlossen, ein Haus zu bauen – und zwar ein ganz besonderes. Eines, das lange Bestand haben wird und dadurch extrem nachhaltig ist. Ein Haus, das für alle Eventualitäten gerüstet ist – dank seiner enormen Flexibilität. Und in diesem Haus wollen und können die beiden nun gemeinsam alt werden. Zugleich haben sie ein Projekt mit großem aktuellem Bezug geschaffen.

Neu statt alt

Die massive Bauweise mit kerngedämmten Betonelementen kommt ursprünglich aus dem Industriebau. Foto: Velux

Ursprünglich hatten Anne und Manfred keinen Neubau im Sinn. Frisch im Ruhestand, erwarben sie ein Grundstück mit einem Häuschen in Stuttgart-Hofen, einer ruhigen Wohngegend. Sie wollten einen Altersruhesitz für sich und dachten daran, das bestehende Haus zu renovieren, umzubauen und zu erweitern. Deshalb nahmen sie mit dem Stuttgarter Architekten Udo Ziegler Kontakt auf. „Doch relativ schnell hat sich herausgestellt, dass die vorhandene Bausubstanz mit den Wünschen und Vorstellungen der Bauherren nicht vereinbar war“, erzählt Udo Ziegler. „Irgendwie machbar gewesen wäre solch ein Umbau vielleicht schon, aber von den Investitionskosten her hätte man dann gleich neu bauen können.“ So entschieden sich die Bauherren, das alte Gebäude abzureißen, und beauftragten Udo Ziegler damit, einen Neubau zu entwerfen. Sie hatten vor allem zwei Wünsche: Im Erdgeschoss sollte eine ebenerdige, barrierefreie Wohneinheit für sie selbst entstehen. Das Obergeschoss wollten sie als kleine Wohnung für den damals bereits erwachsenen, noch zu Hause wohnenden Sohn planen.

Fit für die Zukunft

Privatsphäre garantiert: Die Dachterrasse zeigt auf die gegenüberliegende Seite zur unteren Gartenterrasse. Foto: Velux

Auf den ersten Blick erscheint es, als ob dieser Neubau in der gewachsenen Wohnsiedlung Mimikry betreibe. Der Baukörper fügt sich mit seiner Form und Firsthöhe harmonisch in die wie an einer Schnur aufgereihten Wohnhäuser entlang der Straße ein. Doch bei näherer Betrachtung fällt auf, dass bei diesem Haus alles aus einem Guss ist – im Unterschied zu den Nachbarbebauungen. Denn dort schließen sich meist auf der Rückseite der Häuser nachträglich hinzugekommene Anbauten, Gauben und Erweiterungen an. „Wir hatten jetzt durch den Abbruch und den Neubau die Möglichkeit, das Ganze in eine Form zu packen“, erklärt Udo Ziegler. Die hintere Hauswand sitzt direkt an der Bebauungsgrenze, das bringt das Maximum an Wohnfläche.

Im Laufe der Planung nahm eine neue Idee Gestalt an: „Wir hatten den Wunsch und starteten den Versuch, ein sehr flexibles Haus zu bauen“, erzählt Udo Ziegler. Denn klar war: Baut man jetzt ein Haus mit nur einer klaren Nutzungsoption, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Lebenswirklichkeit der Bewohner in einigen Jahren vielleicht nicht mehr dieser Variante entspricht. So entstand ein Haus mit hohem Wohnkomfort, das sich mit geringem Aufwand an viele verschiedene Alltagsrealitäten anpassen lässt.

Licht und Luft

Die Wohnung im Erdgeschoss für die Bauherren ist barrierefrei. Foto: Velux

Im Erdgeschoss erstreckt sich auf 102 Quadratmetern Wohnfläche die barrierefreie Wohneinheit von Anne und Manfred. Man gelangt ebenerdig über eine Rampe in die Wohnung. Viele Fenstertüren holen Tageslicht ins Haus, die Übergänge sind bodengleich. „Wir haben alles mit sehr wenig Türen geplant“, erzählt Udo Ziegler. „Zwischen Bad und Schlafzimmer wurde beispielsweise die Ankleide positioniert. Die Räume sind zwar offen zueinander, trotzdem ist dadurch aber ein geschützter Badbereich entstanden.“

Im Obergeschoss befindet sich die Einheit des Sohnes. Sie wurde beim Bau vor fünf Jahren als großer, offener Wohnbereich mit Kochinsel und separatem Bad gestaltet. Der offene Schlafbereich ist oben auf der Galerie. Tatsächlich fand jedoch mittlerweile bereits ein Umbau statt: So wurde vom großen Wohnbereich ein Raum abgeteilt, der nun als Kinderzimmer genutzt wird. Denn inzwischen wohnt der Sohn mit Frau und Kindern mit im Haus. Möchte die junge Familie einmal über ein weiteres separates Zimmer verfügen, lässt sich die Schlafgalerie mit einer zusätzlichen Decke schließen und dort oben weiterer Wohnraum generieren.

Ausreichend Lichteinfall

Sehr hell und weitläufig: die Dachgeschosswohnung des Sohnes. Foto: Velux

Möglich ist die flexible Nutzung des Dachgeschosses nur, da auf ausreichenden Lichteinfall geachtet wurde. Auch aufgrund der großen Gebäudetiefe von fast 15 Metern spielte der Einbau passender Fensterlösungen eine wichtige Rolle. „Die Fassade wollten wir nicht perforieren“, erklärt der Architekt. Wurde im Dachgeschoss auf der Gebäuderückseite eine große Dachterrasse über Fenstertüren vom Wohnraum abgetrennt, holt auf der anderen Hausseite ein in die Dachhaut eingefügtes Lichtband aus acht Dachfenstern Tageslicht herein. Flexibilität bietet auch das Untergeschoss, das eigentlich ein Gartengeschoss ist. Mit einem zusätzlichen Zimmer samt Bad könnte es später von einer Pflegekraft bewohnt werden oder es bietet sich als Rückzugsmöglichkeit für ein Großelternteil an. Sehr schnell lässt sich außerdem aus dem Zweifamilienhaus ein Einfamilienhaus machen: Da sich das Treppenhaus in der beheizten Gebäudehülle befindet, ist das kein Problem.

Wert und Beständigkeit

Eine große Glasschiebetür führt hinaus auf die Dachterrasse. Foto: Velux

Nachhaltig ist das Haus schon allein durch seine Anpassungsfähigkeit. Auch bei der Wahl der Materialien achteten Planer und Bauherren auf Umweltverträglichkeit. „Wir haben nur natürliche Materialien verwendet“, erklärt Ziegler. Das Haus wurde in Massivbauweise aus vorgefertigten, kerngedämmten Betonelementen errichtet. Der Beton ist recycelbar, die Stahltreppe im Haus besteht zu 100 Prozent aus Stahl und kann wieder eingeschmolzen werden. Die Holz-Alu-Fenster sind innen zu 100 Prozent aus Holz, die Außenseite ist komplett aus eloxiertem Aluminium. „Aber ich gehe davon aus, dass das Haus nicht abgerissen wird“, sagt der Architekt lachend. „Denn wenn man im Haus ist, spürt man einfach, da ist etwas ganz Besonderes entstanden. Das Haus ist so flexibel gehalten, man kann auf alles reagieren.“ Und damit ist es auch eine von vielen möglichen Lösungsvarianten für die Problematik der aktuellen Immobilienknappheit. Denn wer flexiblen Wohnraum schafft, erhöht die Chance, dass dieser lange und von vielen genutzt werden kann.


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