Wohnen ohne Grenzen

Wohnen ohne Grenzen
Foto: Baufritz

Was heute dem modernen Zeitgeist entspricht, war vor 100 Jahren eine Revolution: offene, fließende Wohnräume und großzügige Fensterflächen – eine Gestaltungsform, die vor allem der Bauhaus-Architekt Ludwig Mies van der Rohe in seinen spektakulären Entwürfen perfektionierte.

„Weniger ist mehr.“ Ludwig Mies van der Rohe. Foto: Porträt Ludwig Mies van der Rohe, um 1930-1932, Bauhaus-Archiv Berlin

Licht, Luft und Sonne – diese Aspekte sind untrennbar mit der Bauhaus-Architektur verbunden. So ziehen sich Transparenz und Großzügigkeit bereits durch die Originalentwürfe wie ein roter Faden. Walter Gropius etwa ging es bei der Planung des Bauhaus-Gebäudes darum, ein ehrliches und schnörkelloses Gebäude zu entwerfen, das nichts verbergen sollte. Das bezieht sich zum einen auf die Konstruktionsweise, die offen sichtbar war. Aber ebenso auch auf das transluzente Material Glas, das hier großflächig zum Einsatz kam. Somit erkannte jeder Betrachter bereits von außen: Hier wird am Bau der Zukunft gearbeitet. Die gläserne Vorhangfassade ließ den Innen- und Außenraum miteinander verschmelzen und den ganzen Werkstattflügel mit Tageslicht fluten. Für die damalige Zeit ein völlig neuartiger Ansatz!

Barcelona-Pavillon

Doch kaum ein anderer hat die neue Form des großzügigen Bauens so zur Perfektion gebracht wie Ludwig Mies van der Rohe: Seine Entwürfe aus Glas und Stahl sind nicht nur ein Sinnbild der modernen Architektur, sondern wurden auch zum Vorreiter für offenes Wohnen. Ein Paradebeispiel ist der „Deutsche Pavillon“, den er 1929 im Auftrag der Deutschen Reichsregierung für die Weltausstellung in Barcelona gestaltete. Dabei verzichtete Mies van der Rohe weitgehend auf Innenwände als im wahrsten Sinn des Wortes tragendes Element: Das ermöglichte ihm eine freie Grundrissgestaltung mit fließenden Raumzonen. Diese werden von großen, in einer Stahlskelettkonstruktion „schwebenden“ Glasflächen von natürlichem Licht erhellt. Sie schaffen somit eine Wohnqualität, bei der sich die Übergänge zwischen innen und außen scheinbar auflösen. Im Zusammenspiel mit transparenten und spiegelnden Materialien wie hochglänzendem Marmor, verspiegeltem sowie verschiedenfarbigem Glas, verchromten Stützen und einem Wasserbecken auf der Terrasse entstand so die perfekte Illusion eines Wohnraums ohne Grenzen.

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Im Bassin des Barcelona-Pavillons platzierte Ludwig Mies van der Rohe eine Gipsskulptur von Georg Kolbe. Foto: Bildarchiv Georg Kolbe Museum/Enric Duch

Für eine Veranstaltungsreihe gestaltete der Möbelhersteller USM den Barcelona-Pavillon als modernes Zuhause. Foto: USM

Villa Tugendhat

Diese Gestaltungsansätze setzte Mies van der Rohe dann im Wohnhaus für das Ehepaar Tugendhat im tschechischen Brno (Brünn) fort. Tragende Stahlstützen ermöglichen im Erdgeschoss einen etwa 250 m² großen, offenen Wohnraum mit fließenden Übergängen, der von großformatigen Glasfronten mit Tageslicht geflutet wird. Die zum Teil komplett versenkbaren Fensterflächen ermöglichen einen ungehinderten Blick hinaus ins Grüne, aber auch vom Garten ins Innere des Hauses, was den ganzen Wohnbereich noch luftiger wirken lässt. Dabei entstand nicht einfach nur ein großer Raum, denn Mies van der Rohe wusste diesen geschickt zu strukturieren: Zentrale raumteilende Elemente sind etwa die halbrunde Wand aus edlem Makassarebenholz, die den Essplatz markiert, sowie die frei stehende Wand aus honiggelbem Onyxmarmor.

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Die Glasfronten in der Villa Tugendhat erweitern den Wohnraum optisch und lassen sich zudem elektrisch versenken. Foto: Rako

In der Villa Tugendhat verwendete Mies van der Rohe erneut edelste Materialien wie Onyxmarmor. Foto: Rako


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